Viele Köche verderben den Brei

Bei „Aus dem Pflaster-Laster“ berichte ich von Einsätzen, dem Alltag auf der Rettungswache und von aktuellen Themen – von purer Routine bis zum Drama. Am Ende ziehe ich mein Fazit der Einsätze und zeige auf, was gut lief und was besser laufen könnte. Namen von Patienten, Orten und Kollegen lasse ich selbstverständlich aus.

Heute zeige ich einen Einsatz aus meiner “Anfangszeit” – naja, nicht so ganz…ich war zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre als RS tätig und sollte in diesem Jahr in die NFS-Ausbildung gehen (tat ich auch 😉 ).

Es war mein zweiter NEF-Dienst überhaupt und dementsprechend “nervös” war ich, trotz einiger Zeit in der Notfallrettung – mit dabei eine der jüngeren Notärztinnen unseres Standortes, die hauptberuflich bei der Bundeswehr tätig ist.

Der Tag verlief sehr unruhig und bis der Einsatz kam, hatten wir schon fünf Einsätze hinter uns, von der ambulanten Versorgung über die Reanimation bis zum instabilen Herzinfarkt. Es war also nicht nur abwechslungsreich, sondern auch sehr fordernd für mich als blutjungen “NEF-Piloten”.

Unverhofft kommt oft

Wir befanden uns gerade auf dem Rückweg von Einsatz Nummer 5, der einen instabilen Vorderwandinfarkt einmal quer durch unser Einsatzgebiet in den nächsten Maximalversorger auf den Kathetertisch gebracht hat.

Von dem anstrengenden Tag angeschlagen freute ich mich (respektive wir uns) auf den nun bald bevorstehenden Feierabend. Soweit sollte es aber erstmal nicht kommen…

Kurz vor einem Ort, in dem eine unserer “Außenwachen” lag, kam die Alarmierung – die Leitstelle hatte uns nicht angesprochen, sondern nur den Melder ausgelöst. Was Sache war, wussten wir also erst, als die Meldung auf dem Display erschien.

Einsatzdaten

Einsatzmeldung: Bewusstlosigkeit, VU – Motorrad.

Alarmierte Fahrzeuge: NEF, RTW, First Responder, Polizei, mit Sonder-/Wegerechten.

Die Anfahrt war mit fünf Minuten sehr kurz und führte uns auf einen geteerten Feldweg nahe eines Bauernhofs. Auch wenn der RTW und der First Responder aus dem selben Ort kamen, waren wir mit Abstand die Ersten.

“Oh, das sieht nicht gut aus!”

…meinte meine Notärztin noch vor dem Aussteigen. Meine bis zu diesem Zeitpunkt noch halbwegs vorhandene Ruhe war weg.

Scene – Safety – Situation

Scene: Feldweg in unmittelbarer Nähe eines Bauernhofs, Nahe Ort mit einer Außenwache.

Safety: Fahrzeug mit Warnblinker steht auf der Straße, Warndreieck wurde aufgestellt.

Situation: Mofafahrer liegt in stabiler Seitenlage auf der Straße, Mofa im Straßengraben, Helm wurde abgenommen, Person mit Rettungsdecke zugedeckt und wird durch zwei Ersthelfer betreut.

Ersteinschätzung

Kritisch.

Es war klar: jetzt heißt es arbeiten. Und zwar richtig.

Kannst Du PHTLS?” war die erste Frage meiner Notärztin. Nun ja, davon gehört habe ich natürlich – aber wirklich gelernt hatte ich es als RettSan natürlich nicht. Im Prinzip bedeutete das für mich: ABCDE nach bestem Wissen und Gewissen – mindestens für die fünf Minuten, bis der RTW da ist.

Wir verbrachten den Mofafahrer in die Rückenlage, ich nahm nach Anweisung der Notärztin die Kopfposition ein. Im Rahmen des Primary Survey ergaben sich die folgenden Befunde:

xABCDE

x – Exsanguination

Keine starke äußere Blutung.

A – Airway

Atemwege frei, Mundschleimhäute rosig, keine Zyanose. Manuelle Inline-Stabilisierung und Absaugbereitschaft.

B – Breathing

Atemfrequenz 12/min, SpO2 93%, Thorax stabil, regelrechte Thoraxexkursionen, beidseits vesikuläres Atemgeräusch, keine Halsvenenstauung.

C – Circulation

Haut rosig, trocken und warm; Rekapillarisierungszeit < 2 Sekunden, periphere Pulse beidseits gut tastbar und normofrequent; Abdomen weich, keine Abwehrspannung; Oberschenkel stabil, RR 160/80 mmHg, EKG zeigt normofrequenten Sinusrhythmus mit 70/min.

D – Disability

GCS 3, Pupille links > rechts, links verzögerte Lichtreaktion; FAST nicht durchführbar, BZ 98 mg/dl.

E – Exposure/Environment

Kopfplatzwunde an der Stirn, Fehlstellung des rechten Unterarms, sonst unauffälliger Bodycheck. Auffälliger Alkoholgeruch der Ausatemluft. Temperatur 35,8°C.

Im Verlauf des Primary Survey wurde dem Patienten über eine Sauerstoffmaske 15 l/min Sauerstoff verabreicht und durch die Notärztin ein großlumiger Zugang am linken Unterarm (16 G) gelegt. Ferner erfolgte bereits vor Ort eine weitestgehende Entkleidung.

Auch wenn es vermutlich wirklich nur fünf Minuten gedauert hat, bis der RTW eintraf, kam es mir wie eine gefühlte Ewigkeit vor. Zwischenzeitlich erging an mich der Auftrag, einen RTH nachzufordern – gesagt, getan.

Der Patient blieb unter der eingeleiteten Therapie vorerst stabil, sodass die Gedanken in Richtung Rettung gingen – mit Schaufeltrage und Vakuummatratze wurde der Patient, unter Mithilfe des als drittes eingetroffenen First Responder, in den RTW verbracht. Dort erfolgte das Secondary Survey, bis der RTH eintraf.

Einerseits gut, da ich nun Kapazitäten hatte, gemeinsam mit der mittlerweile eingetroffenen Polizei die Identität des noch unbekannten Mofafahrers zu ermitteltn – andererseits schlecht, da nun das Chaos begann.

Zwei Notärzte tun den Patienten selten gut

Der Hubschraubernotarzt ließ sich von unserer Notärztin den Patienten übergeben und bot an, dass sie den Patienten ruhig intubieren könne, wenn sich möchte – die Intubation wurde durch die RTW-Besatzung schon gerichtet.

Nun – unsere Notärztin wollte sich das nicht nehmen lassen und nahm das freundliche Angebot dankend an. Sie schlug eine Einleitung mittels Propofol vor, was der Hubschrauberdoc jedoch konsterniert ablehnte – Thiopental sollte es werden, also sagte er die Dosierungen an.

Der erste Intubationsversuch schlug fehl – die Dosierung des Thiopentals war zu niedrig angesetzt, auf eine Relaxierung wurde verzichtet.

Einigermaßen frustriert übergab unsere Notärztin das Zepter an den Hubschrauberarzt, der nach einer weiteren Dosis Thiopental den Patienten intubieren konnte. Der zu erwartende Blutdruckabfall trat ein und nach fehlender Besserung unter Akrinor erhielt der Patient einen Katecholamin-Perfusor mit Noradrenalin.

Der zwischenzeitlich vollimmobilisierte Patient wurde aus dem RTW auf die Trage des RTH verbracht und landete schließlich in einer Unfallklinik.

Die Enttäuschung und die Frustration seitens der Notärztin waren spürbar – was sich auch im Nachgespräch zeigte.

Was ist danach passiert?

Besagter Patient lag auch zwei Wochen nach dem Unfall noch intubiert und beatmet auf der Intensivstation der Unfallklinik – es wurde nach der Aufnahme eine beträchtliche Blutalkoholkonzentration von über 2 Promille festgestellt.

Die Unzufriedenheit der Notärztin galt dem Verhalten des Hubschraubernotarztes und der Kommunikation mit ihm – für die RTW-Besatzung und, zu meiner Überraschung, für mich, gab es hingegen Lob.

Background-Info

Intubation

Atemwegssicherung mittels in die Luftröhre eingeführten Plastikschlauch zur Beatmung.

Propofol

In Lipidemulsion gelöstes Hypnotikum. Klinisch und präklinisch Standardmedikament zur Narkoseeinleitung.

Thiopental

Hypnotikum aus der Gruppe der Barbiturate, wird wegen hirndrucksenkender Wirkung bei Schädel-Hirn-Traumata zur Narkoseeinleitung bevorzugt.

Fazit

Was fand ich gut?

  • die strukturierte Abarbeitung des Einsatzes – die Sinnhaftigkeit eines ABCDE-Vorgehens und standardisierter Systeme wie PHTLS hat sich sehr gut gezeigt
  • die Zusammenarbeit mit der Notärztin – durch die relative Unerfahrenheit von uns beiden wurde viel und intensiv kommuniziert, Lösungen wurden gemeinsam gefunden
  • der von unserer Notärztin angestrebte Grundsatz “Nimm die Medikamente, die Du kennst” – die Narkoseeinleitung in einer Ausnahmesituation mit einem Medikament, welches man kaum noch benutzt (Thiopental), wollte sie sinnigerweise vermeiden
  • die Absicherung der Einsatzstelle,
  • suffizient ausgeführte Erste-Hilfe-Maßnahmen sowie die Betreuung durch die Ersthelfer

Was fand ich nicht gut?

  • Zusammenarbeit mit der RTH-Besatzung – nach der Übergabe hätte sich unsere Besatzung “zurückziehen” sollen, statt die Behandlung de facto noch weiterhin zu übernehmen
  • Differenzen in der fachlichen Zusammenarbeit zwischen Hubschraubernotarzt und bodengebundenen Notarzt – was die erfolgreiche Intubation verzögerte
  • untypische “Rollenaufteilung” nach der Übergabe – rückblickend fällt eine fehlende Führungsstruktur auf

Am Ende hätte der Patient wohl eher davon profitiert, wenn man einfach “eine Linie” gefahren hätte – also entweder abschließende Therapie durch unsere Notärztin, oder nur durch den Hubschraubernotarzt.

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Über SaniOnTheRoad

Viele Köche verderben den Brei

SaniOnTheRoad

Notfallsanitäter, Teamleiter und Administrator des Blogs. Vom FSJler über Ausbildung bis zum Haupt- und Ehrenamt im Regelrettungsdienst und Katastrophenschutz so ziemlich den klassischen Werdegang durchlaufen. Meine Schwerpunkte liegen auf Ausbildungs- und Karrierethemen, der Unterstützung von Neueinsteigern, leitliniengerechten Arbeiten sowie Physiologie, Pathophysiologie, Pharmakologie und EKG für den Rettungsdienst.´ Mehr über mich hier.


2 Kommentare zu diesem Beitrag:

Bin selber auch immer im ländlichen Bereich unterwegs gewesen, zusätzlich dazu an einer sehr beliebten Strecke für Motorradfahrer. Ein Hotspot der Region sozusagen. Schönes Wetter ab April und Wochenende bedeutete für uns immer massiv Arbeit. Ich habe wirklich viele Einsätze in der Kombi RTH, NEF erlebt und habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Sobald die Führungsstruktur nicht mehr eingehalten wird entsteht Chaos, welches man vermeiden hätte können. Muss aber auch sagen, dass es oftmals ohne den RTH Notarzt schief gegangen wäre, da der bodengebundenen Notarzt mit der Situation völlig überfordert war. Es gibt also auch hier alle Dimensionen.
Toller Beitrag und super geschrieben 👍🤗

Ehrlicherweise muss ich sagen: diese Begegnung mit einem Hubschrauberdoc war auch eine absolute Ausnahme – wobei ich das Problem eher in der Führungsstruktur, als in der medizinischen Kompetenz sehe.
In allen übrigen Fällen muss ich mich deiner Meinung zur guten und sinnvollen Zusammenarbeit anschließen, und auch – gerade bei schweren Traumata – der Routine der RTH-Besatzungen beipflichten.

Vielen Dank für dein Feedback!

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