„Kleines 1×1 des Rettungsdienstes“ – Teil 10: Wachenalltag und Einsatzalltag im Rettungsdienst

group of people watching on laptop

“Kleines 1×1 des Rettungsdienstes” bietet eine Übersicht über Aufbau, Struktur und Gepflogenheiten des Rettungsdienstes in Deutschland. Hier geht es um das, was Interessenten und Neueinsteiger wissen sollten.

Zu “Teil 9 – Der Notarzt im Rettungsdienst” geht es hier.

Teil 10 – Wachenalltag und Einsatzalltag im Rettungsdienst

Wie sieht ein normaler Dienst im Rettungsdienst eigentlich aus? Was fällt außer Einsätzen so an? Und was fällt an Einsätzen so an? Oder: wie beschäftigt man sich, wenn mal nichts zu tun ist?

Werfen wir also mal ein Blick auf das, was einem in einem „normalen“ Dienst erwartet.

Der Alltag auf der Wache

Beginnen tut ein Dienst eigentlich vor dem Dienst – Umziehen und „bereit sein“ erfolgt, bevor der eigentliche Dienst (also die Arbeitszeit bzw. die Schichtzeit des Fahrzeugs) beginnt.

Bei rund um die Uhr besetzten Rettungsmitteln ist es üblich, dass man etwas früher ablöst, als unbedingt notwendig. Das gehört zum guten Ton und kollegialen Miteinander – und funktioniert entweder gut, oder gar nicht 😉

Bei der Übergabe von der Diensthabenden Besatzung werden die wichtigsten Geschehnisse im Dienst, anstehende Ereignisse, Auffälligkeiten und noch zu erledigende Arbeiten mitgeteilt.

Das reicht von Sauerstoff- und Tankständen über Geräte- und Fahrzeugdefekte, Termine bis zu rein organisatorischen Dingen, wie z.B. einen Transportschein im Krankenhaus abholen.

Im Dienst selbst gilt „machen, was anfällt“ – neben den Einsätzen natürlich.

Das kann zum Beispiel das Putzen der Wache, aufräumen, gemeinsames Kochen, Bestellungen von Verbrauchsmaterial und Sauerstoff, Selbststudium für die Fortbildungen, Routinedesinfektionen von den Fahrzeugen, Fahrzeugcheck und Auffüllen, kleinere Reparaturen bis zu Renovierungsarbeiten, Dokumentation für die Abrechnung, Ausbildung und Übung mit Praktikanten und Auszubildenden, die Pflege von Grünanlagen oder das Streuen des Hofes im Winter und dergleichen bedeuten.

Also: tatsächlich so ziemlich alles erdenkliche, was in der Wache möglich und nötig ist. Das kann lokal total unterschiedlich ausfallen – auf „Kleinwachen“ gibt es seltener Praktikanten, auf größeren Wachen oft eine Putzfrau. Es gibt Funktionsträger, die bestimmte Aufgaben übernehmen – oder es ist Job der diensthabenden Besatzung.

Nach den Einsätzen geht es neben der Dokumentation natürlich ans Auffüllen, gegebenenfalls nochmal Checken, Geräte wieder vorbereiten – und nach Infektionstransporten an die Einsatzdesinfektion, je nach Erreger.

Da hier schon recht lange Einwirkzeiten bestehen, wird mancherorts auf ein Ersatzfahrzeug gewechselt; oft ist das Fahrzeug aber während der Desinfektion schlicht außer Dienst. Das kann durchaus mal problematisch werden, wenn viele Infektionsfahrten zur gleichen Zeit erfolgen.

Wenn die Arbeit getan ist, dann bleibt tatsächlich auch mal Zeit, auf dem Sofa zu sitzen 😉

Der Einsatzalltag

Da jeder Einsatz anders abläuft und es auch regional hochgradige Unterschiede der Gründe für Rettungsdienstalarmierung gibt, möchte ich mich möglichst allgemein fassen.

Daher habe ich mich einfach mal für die “häufigsten Fragen”, die mir im Laufe meiner Laufbahn gestellt wurden, entschieden.

Wie viele Einsätze fährt der Rettungsdienst in Deutschland?

Auf diese einfache Frage die Antwort zu finden, ist gar nicht mal so einfach – denn eine aktuelle, bundesweite und allumfassende Statistik sucht man bisweilen vergebens.

Aus den Zahlen der Leistungsübersicht der GKV 2016 lassen sich zumindest ein großer Teil der Zahlen ableiten.

Rund 13 Millionen Einsätze insgesamt wurden im Jahr 2016 durch die gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet – davon

  • 6 Millionen qualifizierte Krankentransporte,
  • 5 Millionen Notfalleinsätze ohne Notarzt sowie
  • 2 Millionen Notfalleinsätze mit Notarzt.

Es fehlen hier natürlich die Zahlen der Privatversicherten – nachdem ältere Statistiken (siehe z.B. hier) bereits 2012/13 von über 14 Millionen Einsätzen insgesamt sprachen, dürfte die Gesamtzahl (angesichts eines anhaltend steigenden Einsatzaufkommens) aktuell deutlich über 15 Millionen Einsätzen liegen, bei gleichbleibender relativer Verteilung auf die Einsatzarten.

Welche Einsätze sind am häufigsten?

Wie man oben schon erkennen kann – ein Großteil der Einsätze sind qualifizierte Krankentransporte. Also Einsätze, bei denen zwar eine fachliche Betreuung oder bestimmte Ausstattung notwendig ist, aber bei denen keine akute Lebensgefahr besteht.

Hier hängt auch viel von dem Einsatzgebiet ab – bei einer unfallträchtigen Bundesstraße sieht es anders aus als in dem beschaulichen Wohngebiet mit einem Durchschnittsalter über 60 Jahren. In der Partymeile einer Großstadt anders als auf dem Bauernhof bei Hintertupfingen.

Das gilt sowohl für die Einsatzzahlen allgemein, als auch für die Gründe des Einsatzes.

Insgesamt am häufigsten sind internistische und neurologische Notfälle – Herzbeschwerden, Kreislaufprobleme, Ohnmachtsanfälle (Synkopen), Blutzuckerentgleisungen (Hypo- und Hyperglykämien), Herzinfarkte, Atemnot, Schlaganfälle, Krampfanfälle, Schwindel und Co. sind das “täglich Brot” des Rettungsdienstes.

Ebenfalls recht häufig sind “einfache” chirurgische Einsätze – heißt einfache Stürze ohne lebensbedrohliche Verletzungen, einfache Frakturen, Platzwunden, kleinere Verbrennungen/Verbrühungen und ein Großteil der üblichen Haushaltsverletzungen.

Auch psychiatrische Einsätze und soziale Krisen können durchaus recht häufig sein – wenn auch nicht unbedingt in extremer Ausprägung, wie bspw. einem Suizid(versuch).

Welche Einsätze sind selten(er)?

Aus dem internistischen/neurologischen Bereich vor allem insgesamt seltenere Erkrankungen – aber auch schlicht besonders kritische Zustände der “üblichen” Erkrankungen.

Kindernotfälle sind insgesamt recht selten, ebenso Geburten im Beisein des Rettungsdienstes.

Und, für manch einen vielleicht überraschend: auch (schwere) Verkehrsunfälle sind insgesamt eher weniger vertreten als man denkt – ausgenommen hiervon sind natürlich Rettungswachen an Unfallschwerpunkten.

Welche Einsätze machen einen nervös?

Eine absolut allgemeingültige Antwort gibt es hier nicht. Unterm Strich – meist machen einen die Einsätze nervös, bei denen man wenig Routine hat oder nicht weiß, was einen erwartet (letzteres heißt im rheinland-pfälzischen Rettungsdienst “kein Abfrageergebnis möglich“). Das trifft zu einem erheblichen Teil auf die seltenen Einsätze zu.

Kindernotfälle und Geburten bringen doch die meisten aus der Ruhe – mich selbst eingeschlossen. Auch bei gemeldeten schweren Verletzungen und (Verkehrs)unfällen steigt der Puls an, genauso wie bei einer laufenden Reanimation.

Wie lange dauert ein Einsatz in der Regel?

Das ist – leider – nicht im Ansatz allgemein zu beantworten. Im städtischen Bereich bei “einfachen” Einsätzen sind Zeiten unter 30 Minuten von Alarmierung bis zurück zur Wache überhaupt kein Problem – auf dem platten Land sind auch Einsätze mit Dauer über 3 Stunden nicht unwahrscheinlich.

Maßgeblich ist hier die Anfahrtszeit und die Kliniklandschaft – wer fünf Minuten zur Universitätsklinik hat, wird auch bei außergewöhnlicheren Notfällen kurze Einsatzzeiten haben.

Wie lange dauert eine Schicht in der Regel?

In der Notfallrettung sind 12-Stunden-Schichten üblich – seltener sind 24-Stunden-Dienste, die zunehmend von der Bildfläche verschwinden.

Bei sehr hohen Einsatzaufkommen, z.B. in Großstädten, sind auch kürzere Schichten möglich, z.B. 8 Stunden.

Im Krankentransport ist die Schichtlänge deutlich variabler und vor allem vom Einsatzaufkommen abhängig – von 6 Stunden bis zu 12 Stunden ist hier alles möglich und üblich.

Wie viele Einsätze fährt man pro Schicht?

Auch hier kommt das altbekannte “Es kommt drauf an” 😉

Grundsätzlich fährt man im Krankentransport meist (deutlich) mehr Einsätze als in der Notfallrettung; im städtischen Bereich mehr, als auf dem Land.

In der Stadt sind durchaus bis zu zehn Einsätze pro Schicht möglich – auf einer abgelegeneren Landwache meist nur zwei bis drei.

Nachts sind die Einsatzzahlen – ausgenommen bei Großveranstaltungen und in Paryhochburgen – meist spürbar geringer.

Im nächsten Teil folgt: Was muss ein Rettungssanitäter können?

Quellen

Bundesministerium für Gesundheit (2017): Gesetzliche Krankenversicherung – Leistungsfälle und -tage 2016 (Ergebnisse der GKV-Statistik KG2/ 2016), Stand: 12. September 2017, abgerufen unter https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Statistiken/GKV/Geschaeftsergebnisse/KG2_2016.pdf am 02.02.2022

Folgt meinem Blog!

Du möchtest nichts mehr verpassen? Neuigkeiten von mir gibt es auch per Mail!

Es gelten unsere Datenschutz– und Nutzungsbestimmungen.

Wie fandest Du diesen Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Durchschnittliche Bewertung 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.


Über SaniOnTheRoad

„Kleines 1×1 des Rettungsdienstes“ – Teil 10: Wachenalltag und Einsatzalltag im Rettungsdienst

SaniOnTheRoad

Notfallsanitäter, Teamleiter und Administrator des Blogs. Vom FSJler über Ausbildung bis zum Haupt- und Ehrenamt im Regelrettungsdienst und Katastrophenschutz so ziemlich den klassischen Werdegang durchlaufen. Meine Schwerpunkte liegen auf Ausbildungs- und Karrierethemen, der Unterstützung von Neueinsteigern, leitliniengerechten Arbeiten sowie Physiologie, Pathophysiologie, Pharmakologie und EKG für den Rettungsdienst.´ Mehr über mich hier.


3 Kommentare zu diesem Beitrag:

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: