„Kleines 1×1 des Rettungsdienstes“ – Teil 18: First Responder

“Kleines 1×1 des Rettungsdienstes” bietet eine Übersicht über Aufbau, Struktur und Gepflogenheiten des Rettungsdienstes in Deutschland. Hier geht es um das, was Interessenten und Neueinsteiger wissen sollten.

Zu “Teil 17 – Der periphervenöse Zugang” geht es hier.

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Teil 18 – First Responder

Die meisten, die im Rettungsdienst tätig sind, werden schon mal mit ihnen in Kontakt gekommen sein – andere haben vielleicht auch schon mal von Patienten- oder Angehörigenseite Erfahrungen mit ihnen gemacht.

Da das System trotz relativ großer Verbreitung in Deutschland in der breiten Masse recht unbekannt ist, schauen wir uns das – durchaus nicht unumstrittene – First-Responder-System mal an.

Was sind “First Responder”?

Für die Tätigkeit gibt es unterschiedlichste Bezeichnungen, die durchaus alle gebräuchlich sind – das wären unter anderem Helfer vor Ort, Voraus-Helfer, Notfallhelfer – und eben First Responder.

Im Prinzip beschreiben alle genau das Gleiche – eine ehrenamtliche Gruppe qualifizierter Ersthelfer mit zumindest sanitätsdienstlicher Ausbildung, die gemeinsam mit dem Rettungsdienst alarmiert werden und das therapiefreie Intervall verkürzen.

First Responder sind also Freiwillige, die für ihre Tätigkeit keine finanzielle Entlohnung erhalten. Alarmiert werden sie, wie Angehörige der Freiwilligen Feuerwehren, aus ihrer Freizeit oder der Arbeit heraus – meist per Melder (FME/DME), seltener auch (zusätzlich) mit SMS-Alarmierung.

Die Organisation kann dabei lokal höchst unterschiedlich ausfallen, vom Alarmierungsweg über das Fahrzeug und das medizinische Equipment bis zur Qualifikation der Helfer. Vom voll ausgestatteten, dedizierten First-Responder-Fahrzeug inklusive Sondersignalanlage mit rettungsdienstlich ausgebildeter Besatzung bis zum Privat-PKW mit einem Sanitätshelfer ist alles möglich – und auch üblich.

Was sind die Aufgaben?

First Responder (FR) haben, wie schon oben erwähnt, eine Verkürzung des Zeitraums der Versorgung bei medizinischen Notfällen als Ziel. Der Fokus liegt hier in erster Linie auf qualifizierten Ersthelfermaßnahmen – erweiterte Versorgung nach Rettungsdienststandard gehört nur eingeschränkt zum Leistungsspektrum.

Klassische Beispiele für die Tätigkeiten wären beispielsweise

  • Reanimation (BLS-Algorithmus, ggf. mit AED),
  • Atemwegssicherung mittels stabiler Seitenlage oder Guedel-Tubus,
  • Sauerstofftherapie,
  • Stillen lebensbedrohlicher Blutungen,
  • Wundversorgung, Schienen von Frakturen und
  • Erhebung von Vitalparametern.

Dabei sind drei Grundsätze zu beachten, nämlich

  • FR ersetzen den Rettungsdienst nicht, sie dienen nur der zusätzlichen Unterstützung,
  • FR zählen nicht zur Berechnung der Hilfsfrist und
  • FR sind eine freiwillige Einrichtung – eine Pflicht, eine FR-Gruppe einzurichten, besteht im Rahmen der kommunalen Pflichtvorsorge nicht.

Wie ist die Ausbildung?

In einigen Bundesländern gibt es rechtliche Mindestvorgaben für die Ausbildungen – in anderen nicht.

In Bayern umfasst die Ausbildung zwei Stufen, je nach Größe des Einsatzspektrums. Stufe 1 umfasst eine sanitätsdienstliche Ausbildung von insgesamt 48 Unterrichtseinheiten (= SAN-Ausbildung des DRK/BRK), Stufe 2 eine sanitätsdienstliche Ausbildung von insgesamt 80 Unterrichtseinheiten (= Einsatzsanitäter-Ausbildung des MHD).

In Hessen werden ebenfalls zwei Stufen unterschieden – der “Voraushelfer-EH” erhält insgesamt 24 Unterrichtseinheiten Ausbildung, bestehend aus einem “großen” EH-Kurs (16 UE) mit einem Voraushelfer-Training (8 UE). Der “Voraushelfer-SAN” benötigt eine sanitätsdienstliche Ausbildung mit 48 UE.

In Nordrhein-Westfalen gibt es nur eine einstufige Ausbildung zum Notfallhelfer – 50 Unterrichtseinheiten muss diese umfassen.

In allen anderen Bundesländern gibt es keine Mindestvorgaben – die durchführenden Organisationen, allen voran die Hilfsorganisationen (ASB, DRK, JUH, MHD), seltener Feuerwehren oder kommunale Regieeinheiten, legen die Bestimmungen selbst fest.

Grundsätzlich lassen sich einige Gemeinsamkeiten bei den Grundvoraussetzungen finden:

  • aktive Mitgliedschaft in der durchführenden Organisation,
  • mindestens sanitätsdienstliche Ausbildung (48 UE aufwärts),
  • regelmäßige AED-Rezertifizierung.

Über die Mindestqualifikation kann man hervorragend streiten. Meine persönliche Empfehlung für die Mitwirkung in einer First-Responder-Einheit wären

  • im Falle des DRK: abgeschlossene Helfergrundausbildung – bei anderen Hilfsorganisationen entsprechendes Äquivalent, bei der Feuerwehr abgeschlossene Truppmannausbildung
  • rettungsdienstliche Ausbildung – Rettungshelfer mit entsprechender Einsatzerfahrung oder Rettungssanitäter,
  • regelmäßiger Einsatz im Regelrettungsdienst,
  • Erfahrung im sanitätsdienstlichen Bereich,
  • Geräteeinweisungen und praktische Übungen mit dem reell vorhandenen Material,
  • regelmäßige Fallbeispieltrainings und
  • regelmäßiges Reanimationstraining.

Warum setze ich meine Empfehlungen “so hoch” an?

Ganz einfach: der First Responder ist bei einem Notfallpatienten oft die erste medizinische Kraft und muss ggf. auch eine ganze Weile überbrücken, bis der Regelrettungsdienst eintrifft.

Das funktioniert nur dann gut, wenn die notwendigen Maßnahmen erlernt wurden und routiniert angewendet werden können. Das ist, so leid es mir tut, fast ausschließlich bei Rettungsdienstpersonal der Fall.

Die Qualifikation zum Sanitätshelfer/Sanitäter ist für eine adäquate Versorgung kritischer Notfallpatienten “auf eigene Faust” nicht gedacht und der motivierte Helfer ist im Zweifelsfall sehr schnell mit seinem Latein am Ende. Das schadet nicht nur dem Patienten, sondern auch dem Ansehen der Organisation und am Ende auch dem Helfer selbst.

Überforderung im Einsatz ist ein grausiges Gefühl und kann einem sehr schnell die Freude an einer sehr sinnvollen Tätigkeit nehmen. Das gilt es, zu vermeiden.

Wie ist die Ausstattung?

Grundsätzlich vorhanden sind zumindest ein Notfallkoffer oder -rucksack mit entsprechender Ausstattung (ähnlich des Rettungsdienstes) und eine tragbare Sauerstoffeinheit. Die meisten First-Responder-Gruppen verfügen mittlerweile auch über einen Automatisierten Externen Defibrillator (AED) in unterschiedlichsten Ausführungen.

Von dieser Grundausstattung abgesehen gibt es nach oben hin beinahe alles – manche Ortsvereine nutzen auch einen voll ausgestatteten RTW für die Einsätze.

Wie ist das Einsatzaufkommen? Wann werden First Responder alarmiert?

Das Einsatzaufkommen ist lokal extrem unterschiedlich und variiert von Gemeinde zu Gemeinde immens.

FR-Gruppen mit über 200 Einsätzen pro Jahr gibt es – diese sind allerdings tendenziell eher selten. Im groben Schnitt dürfte die Einsatzfrequenz vielerorts unter 50 Einsätzen pro Jahr liegen.

Wann First Responder (mit)alarmiert werden, hängt von der lokalen Alarm- und Ausrückeordnung ab – manchmal werden sie bei allen Notfalleinsätzen in einem bestimmten Gebiet alarmiert, manchmal nur bei bestimmten Notfallmeldungen.

Nicht unüblich ist die Alarmierung zu allen Notarzteinsätzen, die im Einzugsbereich der FR-Gruppe liegen – sprich: in der jeweiligen Gemeinde.

Kritik am FR-System – sinnvoll oder nicht?

Das Konzept der First Responder hat keineswegs nur “Freunde” – die freiwilligen Einrichtungen organisierter Erster Hilfe stehen durchaus in der Kritik.

Gerade der Punkt, dass First Responder der Schaffung neuer Rettungswachen entgegenstehen, stößt vielen auf – frei nach dem Motto “Es gibt doch Ehrenamtliche, die die Aufgabe übernehmen – warum soll dort eine Rettungswache hin?”

Dass die First Responder nicht zur Hilfsfrist zählen und dadurch die Vorhaltung von regulären Rettungsmitteln nicht beeinflusst werden soll, steht auf einem anderen Blatt. Dass die Ambitionen damit aber durchaus “gedämpft” werden, ist leider gelebte Realität.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die kurze Ausbildung der Helfer – die Mindestvorgaben sind im Vergleich zur rettungsdienstlichen Qualifikation sehr niedrig angesetzt; die Helfergruppen sind diesbezüglich sehr inhomogen, dementsprechend auch die “Qualität” der Hilfeleistung.

Vom notfallmedizinisch erfahrenen Arzt bis zum blutjungen Sanitätshelfer kann alles im Bereich der First Responder tätig sein.

Ebenso die Freiwilligkeit – es ist nicht gesagt, dass trotz vorhandener FR-Gruppe auch jederzeit jemand ausrücken kann. Eine “sichere Hilfeleistung” kann mit diesem System nicht garantiert werden.

Fazit

Werden First Responder entsprechend ihrer Vorgaben eingesetzt und entsprechend ausgebildet, ist es zweifellos ein sinnvolles System.

Dank moderner Technik, die organisationsunabhängig per Smartphone-App qualifizierte Ersthelfer alarmieren kann, können zukünftig vielleicht auch in “nicht erschlossenen” Regionen entsprechende Systeme etabliert werden.

Wünschenswert wäre jedoch eine einheitliche Mindestvorgabe für die Ausbildung sowie die Ausstattung.

Background-Info

Sanitätsdienstliche Ausbildung

Organisationsinterne Ausbildung der Hilfsorganisationen, qualifiziert für eine Tätigkeit im Sanitätsdienst sowie im Bereich des medizinisches Katastrophenschutzes.

Therapiefreies Intervall

Zeitraum vom Eintritt eines Notfalls bis zum Beginn medizinischer Versorgung, meist im Zusammenhang mit dem Kreislaufstillstand genannt.

FME

Analoger Funkmeldeempfänger, Alarmierung mittels 5-Ton-Folge.

DME

Digitaler Funkmeldeempfänger; Alarmmeldung als Klartext sichtbar.

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Über SaniOnTheRoad

„Kleines 1×1 des Rettungsdienstes“ – Teil 18: First Responder

SaniOnTheRoad

Notfallsanitäter, Teamleiter und Administrator des Blogs. Vom FSJler über Ausbildung bis zum Haupt- und Ehrenamt im Regelrettungsdienst und Katastrophenschutz so ziemlich den klassischen Werdegang durchlaufen. Meine Schwerpunkte liegen auf Ausbildungs- und Karrierethemen, der Unterstützung von Neueinsteigern, leitliniengerechten Arbeiten sowie Physiologie, Pathophysiologie, Pharmakologie und EKG für den Rettungsdienst.´ Mehr über mich hier.


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