Einen Notfall erkennen

EH-Basics – eine Kategorie, eine Zielsetzung: Grundlagen der Ersten Hilfe einfach, unkompliziert und anschaulich zu erklären.

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Für viele Ersthelfer ist es schon die große Hürde – einen Notfall, der eingetreten ist, als solchen zu erkennen.

Zum Teil erfolgen recht übertriebene Maßnahmen bei Bagatellen, zum anderen werden echte Notfälle nicht zuverlässig erkannt.

Grundsätzliches

Insbesondere für Untrainierte bietet sich ein Vorgehen nach Leitsymptomen an – sprich: man betrachtet die Hauptbeschwerde des Patienten und leitet von dieser das weitere Vorgehen ab.

Ist das Leitsymptom bedrohlich, geht man von einem Notfall aus und behandelt auch so – bei weniger bedrohlichen Symptomen wird anderweitig ärztliche Hilfe aufgesucht, bei unkritischen Symptomen erfolgt eine bedarfsgerechte Hilfe durch den Ersthelfer.

Wichtig: beeinträchtigte Vitalfunktionen sind grundsätzlich als bedrohlich einzustufen!

Beispielhaftes Ablaufschema. (C) 2020 SaniOnTheRoad.

Starke Blutung

Starke Blutungen sind grundsätzlich alle spritzenden (= arteriellen) Blutungen sowie alle sonstigen Blutungen mit hohem Blutverlust in kurzer Zeit.

Das ist vor allem bei tiefen Schnitt-, Stich- oder Amputationsverletzungen zu erwarten.

Bei lebensbedrohlichen Blutungen muss ein Versuch der Blutungsstillung noch vor dem Notruf unternommen werden. Ist keine ausreichende Blutungsstillung möglich: Notruf absetzen, Hilfe anfordern, erneuter Versuch. Wurde die Blutung erfolgreich gestillt, ist die Situation neu zu beurteilen – hier entscheidet die Gesamtsituation (u.a. die Verletzung selbst) und der Patientenzustand, ob ein Notruf notwendig ist. Im Zweifelsfall: Notruf absetzen.

Atemstörungen

Hier sind bedrohliche Atemstörungen gemeint – darunter die akute Atemnot, ein Asthmaanfall oder allergische Reaktionen. Bedrohliche Atemstörungen zeichnen sich durch massiv erschwerte Atmung, auffällige Atemgeräusche und/oder eine Blauverfärbung der Haut, insbesondere der Lippen (Zyanose) aus.

Bei Bewusstlosen erfolgt grundsätzlich eine Atemkontrolle nach Freimachen der Atemwege (= Überstrecken des Kopfes). Bei einer nicht normalen Atmung oder Schnappatmung nach Freimachen der Atemwege ist die Herz-Lungen-Wiederbelebung sofort einzuleiten.

Patienten mit Atemstörungen sollten mit erhöhten Oberkörper gelagert werden, beengende Kleidung ist zu öffnen, gegebenenfalls sollte frische Luft zugeführt werden. Bei Allergikern muss darauf geachtet werden, den Patienten vom Allergen abzuschirmen!

Der Patient wird kontinuierlich weiter überwacht und betreut!

Bewusstseinsstörungen

Hiermit sind insbesondere “keine normale Reaktion auf Ansprache” und “keine normale Reaktion auf Anfassen” gemeint.

Bewusstlose, die nach der Atemkontrolle eine ausreichende Spontanatmung haben, werden in die stabile Seitenlage verbracht und kontinuierlich weiter überwacht und betreut.

Patienten in einem Krampfanfall sind vor Verletzungen zu schützen – es wird kein Beißkeil in den Mund eingebracht! Nach Beendigung des Krampfanfalls sind diese Personen ebenfalls in die stabile Seitenlage zu verbringen.

Andere Störungen des Bewusstseins – beispielsweise eine akute Verwirrtheit, akute Sprachstörungen… – erfordern keine stabile Seitenlage.

Akut aufgetretene Lähmungen, Schwäche einzelner Extremitäten, Sprachstörungen, Gangunsicherheit und Verwirrtheit sind Hinweis auf einen Schlaganfall und müssen als Notfall behandelt werden.

Auch hier gilt im Zweifelsfall: Notruf absetzen!

Kreislaufstörungen

Kreislaufstörungen sind für den Ersthelfer schwer zu erfassen. Hierunter fallen z.B. auch kurze Ohnmachtsanfälle (Synkopen), die so nicht bekannt sind, und insbesondere Störungen, die aus bestimmten Erkrankungen oder Verletzungen resultieren.

So kann ein sehr hoher Blutdruck (meist > 180/120 mmHg) Ursache und Symptom von Kreislaufproblemen sein. Aber auch ein merklich zu schneller, zu langsamer oder unregelmäßiger Herzschlag kann – sofern nicht als Vorerkrankung bekannt – zu den akuten Kreislaufstörungen zählen.

Der akute Brustschmerz und die “Brustenge” sind mögliche Hinweise auf einen akuten Herzinfarkt und daher ebenfalls als Hinweis auf eine akute Kreislaufstörung zu sehen.

Starke Blutungen können aufgrund des Blutverlustes ebenfalls zu Kreislaufstörungen führen.

Als einfacher Indikator für die Kreislaufsituation gilt die Rekapillarisierungszeit (Fingernagelprobe). Hierbei wird auf ein Fingernagel des Patienten auf das Nagelbett gedrückt, bis dieses sich weiß färbt – der Nagel wird losgelassen und die Zeit betrachtet, die es braucht, um wieder rosig zu werden. (Funktioniert auch am Handballen!)

Die Rekapillarisierungszeit liegt normal unter 2 Sekunden – eine verlängerte Zeit kann auf ein Kreislaufproblem hindeuten.

Basics

  • Bedrohte Vitalfunktionen sichern!
  • Bei bedrohten Vitalfunktionen ist immer von einem akuten Notfall auszugehen!
  • Patienten kontinuierlich überwachen und betreuen!
  • Starke Blutung – alle spritzenden Blutungen, alle anderen Blutungen mit hohem Blutverlust
  • Atemstörungen – erschwerte Atemarbeit, subjektive Atemnot, auffällige Atemgeräusche, Blauverfärbung der Haut
  • Bewusstseinsstörungen – keine normale Reaktion auf Ansprache oder Anfassen, Krampfanfälle, akute Lähmungen/Schwäche, Sprachstörungen, akute Verwirrtheit
  • Kreislaufstörungen – Blutdruckentgleisungen, zu schneller/langsamer/unregelmäßiger Herzschlag, Brustenge, hoher Blutverlust; verlängerte Rekapillarisierungszeit als Hinweisgeber

Empfehlungen für den Ersthelfer

Empfehlung Nr. 1: Der Ersthelfer lässt das “diagnostizieren” sein – die Einschätzung des Patientenzustands erfolgt anhand der Leitsymptome.

Der Versuch, eine “genaue” Diagnose, die oft doch nicht stimmt, zu erstellen, kostet in einer Notfallsituation unnötig Zeit und bringt keinen Vorteil für den Patienten.

Der Ersthelfer betrachtet das Leitsymptom, teilt es in “kritisch”, “weniger kritisch” oder “unkritisch” ein und trifft danach seine Maßnahmen zur Ersten Hilfe und setzt bei Bedarf den Notruf ab oder verständigt den ärztlichen Bereitschaftsdienst.

Auch beim Absetzen des Notrufs sollte das Leitsymptom geschildert werden – der Disponent wird benötigte Informationen gezielt erfragen.

Empfehlung Nr. 2: Ist das Leitsymptom bedrohlich, wird der Notruf über die 112 abgesetzt und genau dieses genannt.

Bei bedrohlichen Leitsymptomen ist die Wahrscheinlichkeit eines akuten Notfalls hoch. Im Rahmen der Notrufabfrage wird abgeklärt, ob und welches Rettungsmittel notwendig ist.

Empfehlung Nr. 3: Bei weniger oder nicht bedrohlichen Symptomen kann eine Vorstellung beim Hausarzt, beim ärztlichen Bereitschaftsdienst oder ggf. die Versorgung zu Hause mit üblichen Hausmitteln.

Sofern “nur” ein Abklärungsbedarf ohne akute Lebensgefahr besteht, ist der Hausarzt meist der beste Ansprechpartner, außerhalb der Sprechstundenzeiten der ärztliche Bereitschaftsdienst. Minder dringliche Fälle sind kein Fall für den Notruf.

Haushaltsübliche “Wehwehchen” dürfen natürlich auch in Eigenregie behandelt werden – aber dann bitte richtig 😉

Hinweise auf einen akuten Notfall…

…sind zum Beispiel die Leitsymptome

  • Atem-/Kreislaufstillstand,
  • akute Atemnot,
  • Bewusstlosigkeit/Bewusstseinsstörungen,
  • Brustenge,
  • starke Blutungen,
  • akute Gefühlsstörungen,
  • akute Lähmungen,
  • neu aufgetretene Sprachstörungen,
  • Krampfanfall,
  • akute, stärkste Schmerzen,
  • offene Brüche

Weniger bedrohlich sind hingegen…

  • Bauchschmerzen,
  • Übelkeit/Erbrechen,
  • hohes Fieber,
  • starker Husten,
  • Kopfschmerzen,
  • Schwindel (ohne weitere Beschwerden),
  • anhaltendes Nasenbluten,
  • kleinflächige Verbrennungen,

Keine Notfälle sind…

  • einfache Schürfwunden,
  • einfache Schnittverletzungen,
  • leichtes bis mäßiges Fieber,
  • Husten,
  • Schnupfen,
  • Heiserkeit,
  • Unwohlsein,

Ärztlicher Bereitschaftsdienst

Für alle Erkrankungen und medizinischen Probleme, die nicht akut lebensgefährlich sind (aber dennoch zeitnah ärztlich behandelt werden sollen), gibt es den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Dieser übernimmt die Aufgaben des Hausarztes außerhalb der üblichen Sprechstundenzeiten und macht bei Bedarf auch Hausbesuche.

Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist bundesweit kostenlos unter der 116117 (ohne Vorwahl) erreichbar – auch am Wochenende, an Feiertagen und nachts. Siehe auch 116117.de.


Im Notfall

Bei akuten, lebensbedrohlichen Erkrankungen und Verletzungen ist umgehend Erste Hilfe zu leisten und der Rettungsdienst zu verständigen.

Bei akuten Notfällen ist der Notruf von Feuerwehr, Rettungsdienst und Notarzt die 112 (ohne Vorwahl).

Quellen

SaniOnTheRoad (2020): Absicherung, Eigenschutz und Notruf, abgerufen unter https://saniontheroad.com/absicherung-eigenschutz-und-notruf/ am 03.02.2022

SaniOnTheRoad (2020): Wundversorgung und Stillung lebensgefährlicher Blutungen, abgerufen unter https://saniontheroad.com/wundversorgung-und-stillung-lebensgefahrlicher-blutungen/ am 03.02.2022

SaniOnTheRoad (2019): Die stabile Seitenlage, abgerufen unter https://saniontheroad.com/die-stabile-seitenlage/ am 03.02.2022

SaniOnTheRoad (2019): Die Herz-Lungen-Wiederbelebung durch Ersthelfer, abgerufen unter https://saniontheroad.com/die-herz-lungen-wiederbelebung-durch-ersthelfer/ am 03.02.2022

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Über SaniOnTheRoad

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SaniOnTheRoad

Notfallsanitäter, Teamleiter und Administrator des Blogs. Vom FSJler über Ausbildung bis zum Haupt- und Ehrenamt im Regelrettungsdienst und Katastrophenschutz so ziemlich den klassischen Werdegang durchlaufen. Meine Schwerpunkte liegen auf Ausbildungs- und Karrierethemen, der Unterstützung von Neueinsteigern, leitliniengerechten Arbeiten sowie Physiologie, Pathophysiologie, Pharmakologie und EKG für den Rettungsdienst.´ Mehr über mich hier.


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