„Kleines 1×1 des Rettungsdienstes“ – Teil 29: Schaufeltrage, Vakuummatratze und Spineboard

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“Kleines 1×1 des Rettungsdienstes” bietet eine Übersicht über Aufbau, Struktur und Gepflogenheiten des Rettungsdienstes in Deutschland. Hier geht es um das, was Interessenten und Neueinsteiger wissen sollten.

Zu “Teil 28 – Die HWS-Immobilisation” geht es hier.

Teil 29: Schaufeltrage, Vakuummatratze und Spineboard

Die Immobilisation ist wahrscheinlich nach der Lagerung eine der häufigsten nicht-invasiven Maßnahmen des Rettungsdienstes – und die Indikationen sind vielfältig, wie auch die Möglichkeiten zur Immobilisation.

Manches kann alternativ verwendet werden, manches ist nur in bestimmten Situationen sinnvoll.

Heute werfen wir einen Blick auf die Ganzkörperimmobilisation (oder auch Vollimmobilisation) – also die “großen Immobilisationsthemen” – und die Handhabung und Einsatz von Schaufeltrage, Vakuummatratze und Spineboard.

Inhaltsverzeichnis

Wann immobilisieren?

Die Frage “Wann sollte/muss man immobilisieren?” ist dabei durchaus spannend – in einigen Punkten sind Algorithmen (z.B. der DBRD-Musteralgorithmus “Wirbelsäulenimmobilisation beim Trauma”) und die Leitlinien sehr konkret, bei anderen sind die Empfehlungen offener.

Wenn wir uns die Immobilisation allgemein – losgelöst von der Vollimmobilisation – betrachten, wären klassische Indikationen

  • Frakturen und Frakturverdacht,
  • Distorsionen und
  • ggf. Luxationen.

Maßgeblich ist dabei auch die Einbindung des Patienten – wie bei jeder Maßnahme muss dieser aufgeklärt werden und einwilligen. Unabhängig von der medizinischen Indikation muss am Ende auch der Patientenwunsch berücksichtigt werden.

Bei der Vollimmobilisation kann man wiederum konkreter werden – typische Situationen wären zum Beispiel

  • Verdacht auf Wirbelsäulentrauma (NEXUS oder Canadian-C-Spine-Rule positiv)
  • Verdacht auf Beckentrauma
  • (Verdacht auf) Frakturen proximaler Knochen, die nicht anderweitig zu immobilisieren sind, z.B.
    • Oberschenkelhals-Fraktur
    • Oberschenkelfraktur
    • Humerusfraktur

Man muss allerdings bedenken: eine vernünftige Vollimmobilisation kostet vergleichsweise viel Zeit und bindet viele Ressourcen – und das, obwohl die Evidenzlage für die Immobilisation nicht gerade überragend ist.

Es muss zwangsläufig abgewogen werden, ob

  • der Patient ein relevantes Benefit durch die Immobilisation hat und vor allem
  • ob der Patientenzustand zeitaufwändige Maßnahmen überhaupt zulässt.

Gerade bei einem zeitgleich vorliegenden, kritischen ABCDE-Problem mit Transportpriorität ist eine kritische Risiko-Nutzen- und Zeit-Nutzen-Abwägung zwischen Immobilisation oder zügigen Transport unabdingbar.

Die Schaufeltrage

Die Schaufeltrage selbst dient nicht zur endgültigen Immobilisation, sondern ist ein Hilfsmittel zur (technischen) Rettung und wird in Kombination mit der Vakuummatratze eingesetzt.

Sie dient dem möglichst bewegungsarmen “aufschaufeln” des Patienten und dem Transport auf die Vakuummatratze. Hierfür ist sie in der Länge verstellbar (Fußteil ist ausziehbar) sowie längs in zwei Teile teilbar.

Die Schaufeltrage hat zudem mehrere Griffe und Befestigungsmöglichkeiten für Gurte, sodass sie auch zum Transport über vergleichsweise längere Strecken geeignet ist – wobei die Gurte auch zum Umlagern angelegt sein sollen.

Eine vollständige Wirbelsäulenimmobilisation wird auch mit der Schaufeltrage nicht erreicht.

Nachteilig ist: das schonende Aufschaufeln setzt einen festen Untergrund (Teppiche, Gras, Erdboden etc. hängen gerne zwischen den Trageteilen) und einen auf dem Rücken liegenden Patienten voraus. Gegebenenfalls ist hier also eine zusätzliche Manipulation notwendig, um die Schaufeltrage anwenden zu können.

Anwendung

  1. Situationsgerechte Aufklärung des Patienten
  2. Manuelle Inline-Stabilisierung (ggf. mit Zervikalstütze) durch einen Helfer
  3. Vorbereitung des Materials (Schaufeltrage, Vakuummatratze, Absaugpumpe, Gurte) durch den zweiten Helfer
  4. Die Schaufeltrage wird nicht getrennt neben den Patienten gelegt und auf die passende Größe angepasst (Fußteil herausziehen)
    • CAVE: Fußteil muss hörbar wieder einrasten!
    • CAVE: nicht über den Patienten heben!
  5. Die beiden Hälften der Schaufeltrage werden getrennt, neben den Patienten gelegt und vorsichtig untergeschoben (Patient sollte nur leicht “angelupft” werden) – dabei sollte bei V.a. Wirbelsäulentrauma ein Helfer am Kopf bleiben!
  6. Die Schaufeltrage wird zunächst am Kopf-, dann am Fußende verschlossen (keine Haare einklemmen!)
  7. Gurte anlegen

Die Vakuummatratze

Vakuummatratze und Absaugpumpe. Quelle: Wikimedia Commons/Philipp Lensing, CC-BY-SA 3.0-Lizenz.

Die Vakuummatratze ist das am weitesten verbreitete Material zur Vollimmobilisation – sie besteht aus einer luftdichten Hülle, welche mit Kunststoffkügelchen gefüllt ist.

Im Ausgangszustand sind die Kügelchen verschiebbar und die Vakuummatratze lässt sich gut anmodellieren – was einerseits eine gute Immobilisation ermöglicht, andererseits auch für einen hohen Patientenkomfort auch bei längerer Liegezeit.

Wird die Vakuummatratze abgesaugt (= Luft wird evakuiert), so sind die Kügelchen nicht mehr verschiebbar, die Vakuummatratze wird fest und bleibt in der vorher angepassten Form.

Die S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletztenversorgung sieht in der Kombination aus Schaufeltrage und Vakuummatratze die erste Wahl zur Ganzkörper- bzw. Wirbelsäulenimmobilisation.

Auch wenn die Kombination mit der Schaufeltrage die übliche Variante darstellt, kann und wird die Vakuummatratze – wie z.B. in Dänemark – auch allein zur Wirbelsäulenimmobilisation nach einer “Self-Extraction” (d.h. dem selbstständigen Verlassen des Fahrzeugs durch den Patienten) genutzt.

Anwendung

  1. Situationsgerechte Aufklärung des Patienten
  2. Vorbereitung des Materials (Schaufeltrage, Vakuummatratze, Absaugpumpe, Gurte)
    • Vakuummatratze unbeschädigt (nach grober Sichtprüfung)
    • Kügelchen gleichmäßig verteilen
    • Gurte unter der Matratze hervorholen (!)
    • ggf. leicht Ansaugen – Herstelleranweisung beachten!
  3. Aufschaufeln des Patienten mit der Schaufeltrage
  4. Die beiden Hälften der Schaufeltrage trennen (Verschluss an der Fußseite zuerst öffnen) und die Schaufeltrage vorsichtig herausziehen (ganz getrennt: zur Seite; andernfalls nur mit geöffneten Fußteil in Richtung Kopf)
  5. Manuelle Inline-Stabilisierung durch den Kopfhelfer
  6. ggf. Vakuummatratze belüften, wenn sie vorher angesaugt wurde
  7. Anmodellieren, Gurte locker schließen
  8. Vakuummatratze evakuieren (Absaugpumpe!), die ausreichende Festigkeit wird an der vom Ventil entferntesten Stelle kontrolliert (i.d.R. Fußteil)
  9. ggf. Kopffixierung
  10. Gurte nachziehen

Anleitung – Schaufeltrage und Vakuummatratze als Video

Das Spineboard

Die “große Nummer 2” ist das Spineboard – auch Backboard oder schlicht Wirbelsäulenbrett genannt.

Es ist aus einem Guss Hartplastik hergestellt, ist röntgendurchlässig, schwimmfähig, gewichtstechnisch extrem belastbar (bis zu 1000 kg, je nach Modell) und ermöglicht mittels Fixiersystem (“Spinne”) eine überaus gute Fixierung des Patienten.

Zugleich ist es leicht und bietet viele Griffe, die auch das Tragen durch mehrere Personen über große Strecken deutlich erleichtern.

Teilweise gibt es auch Schnellverschlüsse (“Speedlocks”), die anstelle der aufwändigeren Spinne genutzt werden können, wenn es nur um eine Fixierung für den Transport geht – eine Immobilisation ist damit nicht sicher gewährleistet.

Ein optimales Rettungsgerät? Das muss man klar verneinen.

Das Spineboard hat einige unschlagbare Stärken im Bereich der technischen Rettung – so zum Beispiel bei der Rettung aus dem PKW, Wald- und Wasserrettung – und bei Patienten in ungünstigen Lagen (z.B. auf der Seite, auf dem Bauch).

Es hat allerdings auch gleichzeitig recht große Nachteile:

  • im Vergleich zu Schaufeltrage und Vakuummatratze hat man eine wesentlich größere Manipulation am Patienten
  • es sind grundsätzlich (mindestens) drei Helfer für eine korrekte Anwendung notwendig und
  • das nicht einmal annährend anatomisch geformte Hartplastik verursacht binnen kürzester Zeit signifikante Schmerzen (schon bei Gesunden), es drohen Liegeschäden im Bereich der Brust- und Sakralkyphose

Man muss also den Einsatz des Spineboards klar abwägen – zur technischen Rettung ist es meist hervorragend geeignet, zur Immobilisation sollte es nur bei kurzen Transportwegen als Mittel der Wahl betrachtet werden.

Umlagern von Spineboard auf die Vakuummatratze?

“Hierbei bietet die Vakuummatratze die bessere Immobilisationsmöglichkeit während des Transports. Ob ein Patient, der mittels Spineboard gerettet wurde, umgelagert werden sollte, muss im Einzelfall entschieden werden.”

Kreinest M. et al. (2016): Präklinische Immobilisation der Wirbelsäule
Freund oder Feind des Traumapatienten?

Letztendlich ist das Umlagern von dem Spineboard auf eine Vakuummatratze nicht zu empfehlen – einerseits kostest es durchaus Zeit und es erfolgt zweifellos eine erhebliche zusätzliche Manipulation der Wirbelsäule, egal, wie “schonend” man arbeitet.

Wenn man sich für eine Methode entschieden hat: stick with it! Bleib dabei.

Das bedeutet im Falle der Immobilisation mittels Spineboard nach der technischen Rettung auch, die entsprechenden Nachteile auf den Schirm zu haben und in Kauf zu nehmen – so z.B. die Analgesie bei längeren Transportwegen.

Anwendung

Nachdem es praktisch keine “Standardanwendung” bei einer Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten gibt, hier einmal drei Varianten – Rettung aus Rückenlage, Bauchlage und aus dem PKW – als Video.



Sonderfall: Combi-Carrier

Der Combi-Carrier ist – leider – kein flächendeckender Standard im Rettungsdienst. Er entspricht einem Spineboard, welches aufteilbar ist so und wie eine Schaufeltrage eingesetzt werden kann.

Ein Combi-Carrier ermöglicht damit einerseits eine technische Rettung wie beim Spineboard, andererseits auch die Anwendung als Schaufeltrage mit schonendem Aufschaufeln und problemlosen Umlagern auf die Vakuummatratze.

Zusätzliche HWS-Immobilisation – ja oder nein?

Keine HWS-Immobilisation ohne Vollimmobilisation – und keine Vollimmobilisation ohne HWS-Immobilisation (für letzteres ist eine Zervikalstütze nicht unbedingt notwendig).

Letztendlich gilt hier “ganz oder gar nicht” – wenn eine Vollimmobilisation erfolgen soll, muss diese eine HWS-Immobilisation beinhalten, und umgekehrt.

Welche Möglichkeiten es dafür gibt und wie die Entscheidungsfindung aussieht, erfahrt ihr im vorherigen Teil.

Fazit

Eine Vollimmobilisation muss wie jede andere rettungsdienstliche Maßnahme abgewogen werden und eine Risiko-Nutzen-Abwägung zwischen “Immobilisation oder nicht” genauso wie zwischen der Wahl der Mittel situationsadaptiert erfolgen.

Im Falle der Wirbelsäulenimmobilisation bieten Algorithmen sowie NEXUS-Kriterien und Canadian-C-Spine-Rule einen Entscheidungsansatz – ansonsten obliegt es der Einschätzung der Rettungsdienstmitarbeiter.

Eine Ruhigstellung proximaler Extremitätenfrakturen ist unbedingt zu empfehlen, auch eine Beckenfraktur sollte – sofern keine ungleich höhere Transportpriorität vorliegt – immobilisiert werden.

Im Regelfall sind Schaufeltrage und Vakuummatratze Mittel der Wahl und werden auch von der S3-Polytrauma-Leitlinie favorisiert – das Spineboard stellt hingegen für die technische Rettung eine gute Alternative (trotz Nachteile bei der Immobilisation) dar.

Interessenkonflikte

Der Autor gibt an, dass keine Interessenkonflikte bestehen.

Quellen

Böhmer R., Schneider T., Wolcke B. (2020): Taschenatlas Rettungsdienst, 11. Auflage. Böhmer & Mundloch Verlag, Mainz. ISBN 978-3-948320-00-3. Hier erhältlich: https://amzn.to/3I9E1Ap

Deutscher Berufsverband Rettungsdienst (2022): Musteralgorithmen 2022 zur Umsetzung des Pyramidenprozesses im Rahmen des NotSanG, Version 7.0, abgerufen unter https://dbrd.de/images/algorithmen/DBRGAlgo1221_Web1.pdf am 04.04.2022

Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (2016): S3-Leitlinie Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung, AMWF-Registernummer 012/019, abgerufen unter https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/012-019l_S3_Polytrauma_Schwerverletzten-Behandlung_2017-08.pdf am 04.04.2022

Kreinest M. et al. (2016): Präklinische Immobilisation der Wirbelsäule – Freund oder Feind des Traumapatienten?, Notfall Rettungsmed 2016 · 19:41–47, abgerufen unter https://www.springermedizin.de/praeklinische-immobilisation-der-wirbelsaeule/8710110 am 04.04.2022. DOI: 10.1007/s10049-015-0118-5

Luxem J., Runggaldier K., Karutz H., Flake F. (2020): Notfallsanitäter Heute, 7. Auflage. Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, München. ISBN 978-3437462115. Hier erhältlich: https://amzn.to/3s8KEh5

Rettungsdienstausschusses Bayern (2019): Spineboards – Anwendung im Rahmen der prähospitalen Traumaversorgung, Empfehlung 03/03-2019 vom 13.03.2019, abgerufen unter https://www.aelrd-bayern.de/images/stories/pdf/rda/6.3_Spineboard.pdf am 04.04.2022

Stock J.-P., Gaier G., Häske D. (2020): Evidenzbasierte Empfehlung aus Dänemark zur Wirbelsäulenimmobilisation beim erwachsenen Traumapatienten, Notfall Rettungsmed 23, 632–634 (2020), abgerufen unter https://link.springer.com/article/10.1007/s10049-020-00717-4 am 04.04.2020. DOI: 10.1007/s10049-020-00717-4

Wehling J. et al. (2020): Die präklinische Behandlung von Patienten mit Wirbelsäulentrauma, Notfallmedizin up2date 2020; 15(01): 79-92, abgerufen unter https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/html/10.1055/a-0944-8480 am 04.04.2020. DOI: 10.1055/a-0944-8480

YouTube (2020): SIRMED – Rettungsbrett Bauchlage, Schweizer Paraplegiker-Stiftung, abgerufen unter https://www.youtube.com/watch?v=OZJhe7S6Sxo am 04.04.2022

YouTube (2014): Spineboard Rückenlage, Sebastian Geissert, abgerufen unter https://www.youtube.com/watch?v=fMsZa0Kj7sE am 04.04.2022

YouTube (2013): Schaufeltrage und Vakuummatratze, Sanitätshilfe, abgerufen unter https://www.youtube.com/watch?v=gNy5WG6WnWg am 04.04.2022

YouTube (2012): HD Video – FF ERNSTBRUNN Personenrettung Spineboard, videograf123, abgerufen unter https://www.youtube.com/watch?v=1oKLkMQGQWQ am 04.04.2022

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Über SaniOnTheRoad

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SaniOnTheRoad

Notfallsanitäter, Teamleiter und Administrator des Blogs. Vom FSJler über Ausbildung bis zum Haupt- und Ehrenamt im Regelrettungsdienst und Katastrophenschutz so ziemlich den klassischen Werdegang durchlaufen. Meine Schwerpunkte liegen auf Ausbildungs- und Karrierethemen, der Unterstützung von Neueinsteigern, leitliniengerechten Arbeiten sowie Physiologie, Pathophysiologie, Pharmakologie und EKG für den Rettungsdienst.´ Mehr über mich hier.


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