CRM im Rettungsdienst

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Rettungsdienst aktuell – Themen die den Rettungsdienst, seine Mitarbeiter und Interessierte beschäftigen. Von leitliniengerechter Arbeit bis zur gesellschaftskritischen Diskussion.

Es ist für viele Kollegen und Auszubildende ein oft als “lästig” empfundenes Thema, das teilweise bis zum “Schwätzerthema” degradiert wird: Crew Resource Management (CRM), in manchen Veröffentlichungen auch Team Resource Management (TRM).

Hierbei handelt es sich um die gruppendynamische, aber auch sozial-kommunikative Seite der rettungsdienstlichen Teamarbeit.

CRM ist unglaublich wichtig – und warum, schauen wir uns an…

Inhaltsverzeichnis

Was ist CRM?

Das Crew Resource Management stammt ursprünglich aus der Luftfahrt der 1970er und hat sich als Ausbildungs- und Praxiskonzept in diesen Bereich bewährt und ist seit langem Standard. Und das nicht ohne Grund: Untersuchungen haben gezeigt, dass menschliches Versagen (“Human Factors”) bei Flugunfällen zu 80 % eine maßgebliche Rolle gespielt haben.

CRM setzt an diesem Punkt an und verbessert Kommunikation, Kooperation, situative Aufmerksamkeit, die Führung und Entscheidungsfindung – Knackpunkte, die bei “schlechten” Funktionieren ein unglaubliches Fehlerpotential bieten.

Unterm Strich kann man CRM als Gesamtkonzept eines umfassenden Soft-Skills-Training sehen.

Warum ist CRM so wichtig?

Als Vorabbeispiel und ein Klassiker für die Bedeutung des CRM ein Film – “Just a Routine Operation” hat sich zur de-facto-Standardeinleitung zu dem Thema im Bereich der (Notfall-)Medizin gemausert, und das zurecht.

Den Film möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten.

Was ist das “Take Home” des Ganzen?

Selbst mit viel Expertise, viel Erfahrung, ausreichenden bis optimalen Ressourcen in einer Routinesituation können Fehler auftreten – und diese Fehler können gravierende Auswirkungen haben.

Niemand, wirklich niemand, ist vor gravierenden Fehlern gefeit.

Man sieht, wie mangelnde Kommunikation, Fixierungsfehler und ein ineffizientes Fehlermanagement aus einer gut beherrschbaren “Standardkomplikation” letzten Endes den Tod einer Patientin zur Folge haben.

Der Knackpunkt an den Human Factors ist: diese gibt es auch in der Medizin – und auch hier haben sie einen Anteil von 70 – 80 % an entstandenen Fehlern (siehe hier). Das ist, wie in der Luftfahrt, ein enormer Anteil.

Und ebenfalls wie in der Luftfahrt können die Auswirkungen der Fehler gravierend sein: im Extremfall kosten sie Menschenleben, wie gezeigt wurde.

Das zu vermeiden, ist letztendlich das Ziel des CRM – CRM soll einerseits verhindern, dass Fehler entstehen, die Auswirkungen von Fehlern minimieren und letztendlich zu einer anhaltenden Verbesserung beitragen. Fehlerkultur ist ebenfalls ein Teil des CRM.

Eine völlige Fehlerfreiheit des Menschen ist nicht erreichbar, eine möglichst geringe Fehlerquote und möglichst wenig schlimmen Auswirkungen muss aber das Ziel sein. Wir denken an den kontinuierlichen Verbesserungsprozess im Sinne des Qualitätsmanagements.

Ein gutes Crew Resource Management ist gelebte Patientensicherheit.

CRM-Leitsätze

Die wichtigsten Grundprinzipien des CRM werden auch “Leitsätze” genannt – und sie haben zwischenzeitlich in zahlreichen Veröffentlichungen Einzug gefunden – Rall und Gaba haben diese bereits 2009 formuliert:

CRM-Leitsätze

  1. Kenne Deine Arbeitsumgebung.
  2. Antizipiere und plane voraus.
  3. Hilfe anfordern, lieber früher als spät.
  4. Übernimm die Führungsrolle oder sei ein gutes Teammitglied mit Beharrlichkeit.
  5. Verteile die Arbeitsbelastung.
  6. Mobilisiere alle verfügbaren Ressourcen (Personen und Technik).
  7. Kommuniziere sicher und effektiv – sag, was Dich bewegt.
  8. Beachte und verwende alle vorhandenen Informationen.
  9. Verhindere und erkenne Fixierungsfehler.
  10. Habe Zweifel und überprüfe („double check“, nie etwas annehmen).
  11. Verwende Merkhilfen und schlage nach.
  12. Re-evaluiere die Situation immer wieder.
  13. Achte auf gute Teamarbeit – andere unterstützen und koordinieren.
  14. Lenke Deine Aufmerksamkeit bewusst.
  15. Setze Prioritäten dynamisch.

Sehr vieles der CRM-Leitsätze scheint offensichtlich und unmittelbar nachvollziehbar – nichtsdestotrotz muss man sich die Punkte immer mal wieder bewusst vor Augen führen und auch einfach mal darüber nachdenken.

Nur, wenn diese verinnerlicht und im Alltag gelebt werden, wird die Anwendung in Ausnahmesituationen sicher funktionieren.

Als Merkhilfe bietet sich z.B. die CRM-Karte von InPASS an.

Fehlermanagement und Fehlerkultur

Was ist eigentlich Fehlerkultur?

Allgemein beschreibt der Begriff “Fehlerkultur” den Umgang der Gesellschaft oder auch einer Personengruppe mit gemachten Fehlern – also ein Blick auf das “große Ganze” oder eben den generellen Umgang mit Fehlern.

Fehlerkulturen können sehr unterschiedlich ausfallen, positive oder negative Auswirkungen haben und damit entweder zukünftige Fehler vermeiden. Oder gar provozieren.

Wir stehen vor dem Grundproblem, dass in der breiten Masse der Gesellschaft Fehler grundsätzlich negativ konnotiert sind – sie werden mit Schwäche, Unwissen, Unfähigkeit, Versagen, Verwarnungen und Sanktionen gleichgesetzt.

Das ist in der Notfallmedizin mehr als kontraproduktiv: das fördert nämlich das Verheimlichen und Vertuschen von Fehlern, was nochmals gravierende Auswirkungen haben kann.

Fehlermanagement und Fehlerkultur im Rettungsdienst

Ziel der gelebten Fehlerkultur im Rettungsdienst ein offener, vertrauensvoller Umgang mit Fehlern und die Vermeidung schwerwiegender Folgen oder auch der Wiederholung des selben Fehlers.

Grundlage dafür ist eine “Fehlerakzeptanz” – man könnte es als

“Irren ist menschlich”

– Seneca

beschreiben. Fehler passieren, egal wie gut man ist. Eine Grundakzeptanz dieser Tatsache macht das offene Zugeben von Fehlern wesentlich einfacher.

Und genau das brauchen wir: nur, wer bereit ist über Fehler zu reden, kann helfen, Fehler zukünftig zu vermeiden.

“Aus Fehlern lernt man”

Das bedeutet allerdings auch, dass das grundsätzliche Herabwürdigen, Bloßstellen oder auch das pauschale Sanktionieren von Fehlern unterbleiben muss – je höher die Hürden, Fehler zuzugeben, desto weniger wird es gemacht.

Wenn es zu einem Fehler kommt, sollte man über drei Punkte nachdenken

  1. Klare Kommunikation, dass ein Fehler unterlaufen ist
  2. Fehlerbehebung anstreben
  3. Maßnahmen zur künftigen Fehlervermeidung treffen.

Kommunikation im Einsatz

Das wohl wichtigste CRM-Tool überhaupt ist unglaublich simpel: miteinander reden.

Eine zielgerichtete, effektive Kommunikation ist das A und O, um einerseits Fehler zu erkennen, vermeiden und zu beheben; andererseits mindert sie allgemein den Stress und sorgt für einen zügigen, reibenlosen und effizienten Einsatzablauf.

“Nicht labern, machen!”

– das war gestern. Vorgestern eher. Schweigen ist hier eher selten Gold – nichtsdestotrotz muss die Kommunikation am Ende des Tages

  • präzise,
  • eindeutig,
  • effizient und
  • situativ angemessen

sein. “Mit vielen Worten wenig Sagen” ist nicht das Ziel.

Close-the-Loop

Ein äußerst simples, aber absolut geniales Tool um Missverständnisse zu vermeiden ist “Close-the-Loop” – den Kreis der Kommunikation schließen.

Hierbei werden erhobene Befunde, Messwerte oder auch wichtige Anweisungen wörtlich wiederholt: auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Nachricht den Empfänger nicht nur erreicht hat, sondern er sie auch verstanden hat.

Fehlinterpretationen von Aussagen oder Werten fallen dementsprechend umgehend auf, bevor sie Auswirkungen haben.

10-for-10

Zehn Sekunden für die nächsten zehn Minuten – oder auch einfach ein “Team Time-out”.

Das komplette Team nimmt sich zehn Sekunden Zeit, um

  • Feststellungen und Befunde zusammenzufassen,
  • die nächsten zehn Minuten zu planen (Was ist zu erledigen?)
  • Aufgaben zu verteilen und
  • ggf. kurze Rückfragen zu ermöglichen.

10-for-10 bietet sich zur kontinuierlichen Reevaluation im Rahmen des Einsatzes an – nach dem Primary Survey, vor relevanten Maßnahmen (z.B. Medikamentengabe) und immer bei Unklarheiten oder Problemen kann jedes Teammitglied ein 10-for-10 einfordern.

Wichtig

Ein 10-for-10 muss immer die zu treffenden Maßnahmen und eine Planung beinhalten – zehn Sekunden für die nächsten 10 Minuten, kein “10 Sekunden für nix”.

CRM in der Praxis

CRM muss gelebt werden!

…und sehr oft wird es das auch, ohne dass die Kollegen wissen, dass sie gerade CRM in Reinform betreiben.

Vor dem Einsatz

Kenne dein Fahrzeug!

Einer der wesentlichsten Punkte des CRM erfolgt schon vor und sogar komplett unabhängig vom Einsatz: die Fahrzeug- und Materialkunde (“Kenne deinen RTW!”) in Verbindung mit dem Fahrzeugcheck zu Dienstbeginn.

Es ist absolut notwendig zu wissen, wo man was findet und wie man es anwendet. Schon das bloße Suchen von Material kann in einer Stresssituation ein enormes Problem darstellen. Man muss praktisch “blind” aus Rucksack, Koffer und Fahrzeug arbeiten können.

Daher ist es absolut notwendig, sich in der Anfangszeit intensiv mit dem Material zu beschäftigen und zu üben – der tägliche Check des Fahrzeugs ist sowieso verpflichtend.

Besprechung auf der Anfahrt

Die Anfahrt zur Einsatzstelle kann und soll man nutzen, um sich gedanklich vorzubereiten und Eventualitäten im Voraus zu besprechen.

Was ist gemeldet? Wo geht es hin? Was nehmen wir mit? Wer übernimmt welche Aufgabe? Zudem kann man hier im Voraus etwaige Fragen und Unklarheiten direkt aus dem Weg räumen.

Die Besprechung auf der Anfahrt dient auch der “Entkatastrophisierung” – Fixierungsfehler im Stress können mit einem Briefing vor Eintreffen durchaus gut vermieden werden.

Während des Einsatzes

Die CRM-Hauptziele während des Einsatzes sind vor allem die oben genannten:

  • sichere, effektive Kommunikation
  • Close-the-Loop
  • fortlaufende Reevaluation und
  • strukturierte Abarbeitung des Einsatzes mit klaren Prioritäten.

Auch wenn viele Schemata nervig bis unpraktisch finden, sind diese absolut genial, um Fehler – insbesondere Fixierungsfehler – zu vermeiden. Ein strukturiertes Arbeiten muss daher als absoluter Standard angesehen werden.

Gerade die Entscheidungsfindung ist oft einer der kritischen Punkte während des Einsatzes – hier bietet sich z.B. FORDEC als Entscheidungshilfe an.

F – FactsWelche Fakten/welche Situation liegt vor?
O – OptionsWelche Handlungsoptionen gibt es?
R – Risks & BenefitsWelche Risiken und welchen Nutzen haben verschiedene Optionen?
D – DecisionEntscheidungsfindung
E – ExecutionAusführen der Entscheidung
C – CheckÜberprüfung/Reevaluation

Thema Entscheidungsfindung

Welche Probleme die Entscheidungsfindung im Einsatz haben kann, zeigt dieser Einsatzbericht:

Nach dem Einsatz

Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz. Ähnlich wie die Besprechung auf der Anfahrt gehört eine Einsatznachbesprechung im Sinne eines Debriefings dazu.

Ein “einsatztaktisches” Debriefing sollte unmittelbar nach dem Einsatz erfolgen – der Einsatz wird kurz rekapituliert, Schwierigkeiten, Fehler und kritische Punkte angesprochen und Verbesserungspotential ausgelotet. Ein offenes, ehrliches und verständnisvolles gegenseitiges Feedback mit dem Ziel der kontinuierlichen Verbesserung ist hier ein “Muss”.

Ein “psychosoziales” Debriefing nach belastenden Einsätzen sollte nicht direkt nach dem Einsatz stattfinden – hier bietet sich ein zeitlicher Puffer an; es sollte zudem vom einsatztaktischen Debriefing losgelöst erfolgen.

Fazit

Crew Resource Management im Rettungsdienst ist eine leider unterschätzte, aber sehr wichtige Komponente der rettungsdienstlichen Arbeit. Auch wenn es wenig bis gar nichts mit Medizin zu tun hat, stehen und fallen viele Einsätze mit der Zusammenarbeit des Teams.

Ein gutes CRM kann viele Fehler, Probleme und Unnannehmlichkeiten vermeiden. Dafür ist die Bereitschaft, CRM zu leben allerdings bei allen Beteiligten eine Grundvoraussetzung.

Insbesondere die Tatsache, dass “Human Factors” auch in der Medizin einen erheblichen Anteil an den gravierenden Fehlern haben, sollte die Bedeutung des CRM/TRM bewusst machen.

Quellen

Böhmer R., Schneider T., Wolcke B. (2020): Taschenatlas Rettungsdienst, 11. Auflage. Böhmer & Mundloch Verlag, Mainz. ISBN 978-3-948320-00-3. Hier erhältlich: https://amzn.to/3I9E1Ap

Eschbach T. (2020): NERDfacts Folge 6/2020 CRM, abgerufen unter https://nerdfallmedizin.blog/2020/07/06/nerdfacts-folge-6-2020-crm/ am 14.06.2022

InPASS – Institut für Patientensicherheit und Teamtraining GmbH (2022): CRM-Karte, abgerufen unter https://inpass.gmbh/p/crm-karten-kostenlos am 14.06.2022

Luxem J., Runggaldier K., Karutz H., Flake F. (2020): Notfallsanitäter Heute, 7. Auflage. Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, München. ISBN 978-3437462115. Hier erhältlich: https://amzn.to/3s8KEh5

Moecke H., Marung H., Oppermann S. (2013): Praxishandbuch Qualitäts- und Risikomanagement im Rettungsdienst, MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. ISBN 978-3-941468-73-3. Abgerufen unter https://www.inpass.de/fileadmin/user_upload/Rall_CRM_in_Moecke_QM_im_Rettungsdienst_Kap.8.pdf am 14.06.2022.

SaniOnTheRoad (2022): Welche Fachliteratur im Rettungsdienst braucht man wirklich?, abgerufen unter https://saniontheroad.com/welche-fachliteratur-im-rettungsdienst-braucht-man-wirklich/ am 14.06.2022

SaniOnTheRoad (2021): Triff eine Entscheidung!, abgerufen unter https://saniontheroad.com/triff-eine-entscheidung/ am 14.06.2022

SaniOnTheRoad (2020): 1.10 Verhalten im Einsatz, abgerufen unter https://saniontheroad.com/1-10-verhalten-im-einsatz/ am 14.06.2022

SaniOnTheRoad (2020): 1.9 Einführung in das Qualitätsmanagement, abgerufen unter https://saniontheroad.com/1-9-einfuhrung-in-das-qualitatsmanagement/ am 14.06.2022

SaniOnTheRoad (2020): Warum gehen Einsätze schief?, abgerufen unter https://saniontheroad.com/warum-gehen-einsatze-schief/ am 14.06.2022

SaniOnTheRoad (2019): “Kleines 1×1 des Rettungsdienstes” Teil 12 – Strukturiertes Arbeiten und Schemata im Rettungsdienst, abgerufen unter https://saniontheroad.com/kleines-1×1-des-rettungsdienstes-teil-12/ am 14.06.2022

YouTube (2022): Just a Routine Operation – German, abgerufen unter https://www.youtube.com/watch?v=44tH98eLrkQ am 14.06.2022

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Über SaniOnTheRoad

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SaniOnTheRoad

Notfallsanitäter, Teamleiter und Administrator des Blogs. Vom FSJler über Ausbildung bis zum Haupt- und Ehrenamt im Regelrettungsdienst und Katastrophenschutz so ziemlich den klassischen Werdegang durchlaufen. Meine Schwerpunkte liegen auf Ausbildungs- und Karrierethemen, der Unterstützung von Neueinsteigern, leitliniengerechten Arbeiten sowie Physiologie, Pathophysiologie, Pharmakologie und EKG für den Rettungsdienst.´ Mehr über mich hier.


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